CHRONIK 1960-1969

 

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1960 Flugplatztourismus


 

  Fairey Gannet im Verbandsflug
Fairey Gannet der 1.MFGr im Verbandsflug
Foto: US-Navy / U.S. Navy Naval Aviation News (Ausgabe Dez.1960)
Das Jahr hatte gerade erst begonnen und der Übungsflugbetrieb lief auf vollen Touren, da erschütterte das Geschwader erneut ein tödlicher Flugunfall. KptLt Riemer stürzte im Februar nur Minuten nach dem Start Aufgrund eines Triebwerkschadens mit seiner Sea Hawk (VA+222) ab. Er stieg noch mit dem Schleudersitz aus, jedoch öffnete sich der Fallschirm nicht mehr rechtzeitig.

Im April dann der nächste Unfall mit tödlichem Ausgang. OLtzS H. (Anmerkung: Name ist bekannt, siehe *1) verlor beim Absturz seiner Sea Hawk (VB+123) das Leben. Er war damit schon der vierte getötete Pilot innerhalb der letzten zwei Jahre.  Nach dem Abschuss von Raketen auf ein Seeziel vor Todendorf/Ostsee bekam das Flugzeug Wasserberührung und stürzte in die Ostsee. Die Ursache des Unfalls wurde bis heute nie gänzlich geklärt.

OLtzS Hanss hatte da mehr Glück. Er musste mit seiner Sea Hawk Aufgrund eines blockierenden Fahrwerks eine Bauchlandung machen. Das Flugzeug wurde schwer beschädigt, konnte aber instand gesetzt werden.

 

Da im Frühjahr auf dem Fliegerhorst gebaut wird, verlegen das 1.MFG und 2.MFG den Flugbetrieb für die Zeit vom 14. - 27. Mai zum Jagdgeschwader 72 auf den Luftwaffenstützpunkt Leck an der dänischen Grenze. Die Luftwaffe flog dort die F-86 Sabré Mk.6, ein einstrahliger Tagjäger. Während der Verlegung, wurde im Südbereich des Flugplatzes mit der Errichtung von Werft- und Wartungshallen begonnen. Im Block A wurde der 1. Gefechtsstand errichtet.

 

Der erste Flugunfall mit einer Gannet verlief am 27. Juli zum Glück glimpflich. Bei der Bauchlandung in Jagel wurde das Flugzeug nur leicht beschädigt.

 

Das das neue Marine-Geschwader das Interesse in Öffentlichkeit und Politik auf sich zog, war von vornherein abzusehen. Ab Juni gaben sich die Besucher gegenseitig die Klinke in die Hand. Am 24. Juni konnte Kommodore KptzS Klümper den Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß zu seinem Amtsantrittsbesuch in Jagel begrüßen. In den nächsten Monaten besuchten weitere hochrangige Militärs wie der griechische Generalstabschef Athanasios Frontistis, der portugiesische Verteidigungsminister Júlio Botelho Moniz, der japanische Flottenchef und der Chef des Stabes der US-Streitkräfte das Geschwader. Von deutscher Seite besuchten General Heusinger (Generalinspekteur der Bundeswehr), General Kammhuber (Inspekteur der Luftwaffe), Vizeadmiral Ruge (Inspekteur der Marine), Flottillenadmiral von Wangenheim, Admiral Thienemann, Brigadegeneral de Maizière und Bundespräsident Heinrich Lübke das 1.Marinefliegergeschwader. Auch Franz Josef Strauß kam in diesem Jahr noch einmal nach Jagel. NATO-Oberbefehlshaber Challe rundete das Besucherprogramm am 14. November ab.

 

Neben all der Prominenz kamen auch jede Menge Platzfremde Flugzeuge nach Jagel. So nutzte die Schwedische Luftwaffe den Marinefliegerhorst als Zwischenlandeplatz und Tankmöglichkeit für ihre Saab Safir Schulflugzeuge. Die Flugzeuge sind kurz zuvor nach Tunesien verkauft worden und befanden sich jetzt auf dem Luftweg in die neue Heimat.

 

 

 

 

1961 Kunstflugteam "Fliegende Fische" und 1.Großflugtag


 

 

das Geschwadereigene Kunstflugteam "die fliegenden Fische"

das Geschwadereigene Kunstflugteam "die fliegenden Fische"
Foto: Archiv Autor/Webmaster

Flugtag bei den Marinefliegern 1961   (im Film irrtümlich als Flugtag 1959 bezeichnet)
YouTube Channel: MarineWesterwald
Video: Gerhard Seydel  Bearbeitet von: Karl-Heinz Broschk

Quelle: YouTube 
(wichtige Info hier)
 
Bundeskanzler Konrad Adenauer & Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel
Foto: via Dieter Arndt (Bildmitte)
Aus Kostengründen wurden ab Januar die neuen Marinefliegeranwärter bei der Luftwaffe ausgebildet. Dort durchliefen sie die Ausbildung auf Piper L18 bzw. Piper L4 in Bonn-Hangelar und Koblenz, Fouga Magister in Landsberg, North American T-6 in Mengen bzw. Kaufbeuren und abschließend Lockheed T-33 in Fürstenfeldbruck.

Für alle bereits ausgebildeten Piloten begann dagegen das komplexe Fighter Bomber Training in Luke AFB (Arizona, USA) auf F-84F Thunderstreak und Lockheed T-33.

 

Am 23. Januar konnten die Marineflieger einen Vertrag mit dem zivilen Luftsport Verein (LSV) unterzeichnen. Darin wird die Mitnutzung des Flugplatzes an Wochenenden durch den LSV geregelt und genehmigt.

 

Der Abschiedsmusterung von VAdm Ruge (Inspekteur der Marine) am 12. April folgte wenig später der Abschiedsbesuch des britischen Generals Murray (CINCNORTH).

 

Der erste Besuch einer Gaststaffel aus Dänemark konnte vom 2. - 4. Mai begrüßt werden. Die Gäste kamen mit ihren F-84 Thunderjet für den deutsch-dänischen Erfahrungstausch und gemeinsame Übungsflüge.

 

Die Bewohner der Umgebung bekamen im Sommer schon mal einen Eindruck von der Laufstärke des kommenden Jet-Zeitalters und von donnernden Triebwerken mit Nachbrennern in Jagel. Am 10. Juni landeten vom Pariser Aero-Salon in Le Bourget kommend die ersten Überschall schnellen F-4 Phantom II und eine A-5 Vigilante (beide damals noch in der Erprobungs-Endphase). Einige Piloten des 1.MFG hatten die Möglichkeit auf dem Rücksitz der amerikanischen Testmaschinen, erste Flugerfahrungen auf diesen modernen Jets sammeln zu können.

 

Am 14. Juni stürzt LtzS Klütsch zwischen Hamdorf und Prinzenmoor westlich von Rendsburg im Tiefflug mit seiner Sea Hawk (VA+224) ab. Im Augenblick des Aufschlags versuchte er noch sein Flugzeug per Schleudersitz zu verlassen, vergeblich. Am Boden wird eine Person durch Trümmerteile verletzt.

Vom Jahresbeginn bis zum 31. August 1961 gingen nach offiziellen Angaben des Verteidigungsministeriums 31 Maschinen der Bundeswehr zu Bruch - darunter 23 Düsenflugzeuge im Wert von 64 Millionen Mark. Bei diesen Abstürzen kamen 32 Piloten ums Leben. Allein in den Monaten Juni bis August 1961 verunglückten in Schleswig-Holstein sieben Flugzeuge. Der Schaden wurde auf etwa 33 Millionen Mark geschätzt. Da sich die Unfälle in sehr ernster Weise häuften, fassten die Befehlshaber von Luftwaffe, Heeresflieger und Marineflieger den Entschluss, die Unfallursachen in größerem Rahmen überprüfen zu lassen. Fahrlässigkeit der Piloten oder gar Sabotage konnten schnell ausgeschlossen werden. Menschliches Versagen ist Ursache Nummer Eins und deutet auf gravierende Probleme der Piloten hin, sei es durch Überforderung in den Einsatzprofilen oder infolge mangelhafter und zeitlich forcierter Ausbildung. In der Ausgabe 44/1962 ging das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL noch näher auf dieses Thema ein.

 

Bundeskanzler Konrad Adenauer besuchte am 11. August das 1.MFG. Begleitet wurde er vom Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Kai-Uwe von Hassel. Nach der Begrüßung durch Kommodore, KptzS Klümper ließen sie sich über Aufgaben und Einsätze der Marineflieger berichten. Wenige Tage vor Kanzler Adenauer und Ministerpräsident von Hassel besuchte Bundespräsident Lübke das 1.MFG. General Pyman (CINCNORTH) machte seinen Antrittsbesuch.


Als positives Ereignis für das Geschwader ist der 1. Großflugtag auf dem Marinefliegerhorst Schleswig/Jagel am 27. August zu vermelden. Kommodore, KptzS Klümper eröffnete nach der Begrüßung von Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel und zahlreichen hohen NATO-Offizieren den Großflugtag. Zirka 130.000 Besucher kamen mit 35.000 Autos und 8 Sonderzügen. Sie bestaunten ein Static-Display mit Fluggeräten vieler NATO-Partner und Verbände. Ein besonderes Highlight waren die Flugvorführungen der königlich dänischen Luftwaffe und Marine,

der Royal Navy, der Royal Air Force, der US-Air Force, der deutschen Luftwaffe und Heeresflieger.

Nachdem heute militärische Flugtage immer seltener werden, gab es damals sogar deutsche Kunstflugteams. Jedes Geschwader, das etwas auf sich hielt, betrieb ein solches Team. Es gab zwischen den einzelnen Teams regelrechte Konkurrenzkämpfe über den schönsten Anstrich oder die spektakulärsten Flugvorführungen. Das „ACRO-Team“, das Kunstflugteam der FFS“A“ aus Landsberg verzauberte mit seinen fünf Fouga Magister die Zuschauer am Boden.

Die Marineflieger des 1.MFG stellten als eigenes Kunstflugteam, die „fliegenden Fische“. Monatelang übte das Team mit seinen fünf Sea Hawk über dem Flugplatz seine Flugmanöver und wurde dabei schon von etlichen Zaungästen bestaunt. Die Piloten dieser großartigen Vorführung waren OLtzS Ziebis, OLtzS Zander, OLtzS Feldes, OLtzS Hanns und OLtzS Hausmann.

Als Mitte der 60er Jahre das Team des JaboG31 „Boelcke“ aus Nörvenich komplett auf einen Schlag mit seinen vier F-104 Starfightern abstürzte und ums Leben kam, wurde ein Betreiben von Kunstflugteams in Deutschland verboten. Der Unfall in Ramstein Ende der 80er Jahre mit 70 Toten und 345 Schwerverletzten tat sein Übriges dazu. Zum Bedauern aller Kunstflug-Anhänger wurden die „Fliegenden Fische“ nach dem Großflugtag wieder aufgelöst. Technische Ausstellungen rundeten das Programm ab. Soldaten des Heeres bauten zwei Fußgängerbrücken über die angrenzende E3/B77 damit die Besucher ohne Gefahr zu ihren Autos kamen. In einer positiven Abschlussbilanz tauchten zwei Besucher auf, die beim Betreten des Platzes nicht gezählt worden waren. Unter dem Lärm der Triebwerke erblickten sie das Licht der Welt. Der Zahnarzt verbuchte neun entfernte Zähne und das Feldlazarett einen entfernten Blinddarm. Die Nacharbeiten dieses großartigen Tages beschäftigte ca. 500 Soldaten zwei weitere Tage lang. Allein für die Müllbeseitigung wurden im Flugbetriebsbereich 20 LKW-Ladungen Unrat gesammelt und entsorgt.

 

Mit Schreiben BMVg FüM III 1 vom 2. August wird das Kommando der Flotte mit der Durchführung einer Neugliederung, Neuaufstellung und Umbenennung aller Marinefliegerverbände beauftragt und die Umsetzung zum 1. Oktober angeordnet. Mit Wirkung dieses 1. Oktober wurde die Ausbildungsgruppe aus dem 1.Marinefliegergeschwader herausgelöst und dem 2.Marinefliegergeschwader unterstellt. Die 1.Aufklärungsstaffel, welche schon seit Dezember 1959 dem 1.MFG unterstellt war, wird nun auch aus disziplinar-, und truppendienstlicher Hinsicht aus dem 2.MFG heraus gelöst und voll dem 1.MFG angegliedert.

 

Die Gebäude des Flugplatzes, die bisher von der Royal Air Force genutzt wurden, sind am 3. November offiziell an die Bundesrepublik Deutschland zurückgegeben worden.

 

 

 

 

1962 ab jetzt als Marinefliegergeschwader 1


 

  1. Mehrzweckstaffel 1961
   Gruppenbild 1.Mehrzweckstaffel (1961)
 Foto: via G. Behm
Während einer Sturmflut am 15. Februar, die durch das Sturmtief Vincinette über dem südlichen Nordpolarmeer in Richtung Deutsche Bucht zog, wurden an der deutschen Nordseeküste östlich von Bensersiel und in den Flussläufen von Elbe und Weser und ihren damals noch ungesicherten Nebenflüssen hohe, vorher nicht beobachtete Wasserstände erreicht. Aufgrund vieler Deichbrüche waren gerade die Großstädte Hamburg und Bremen stark vom Hochwasser in Mitleidenschaft gezogen worden. Allein in Hamburg waren 315 Todesopfer zu beklagen. Um der Leidgeplagten Bevölkerung zu helfen, waren vom 18. - 24. Februar Soldaten des Geschwaders an der Hamburger Unterelbe im Sturmfluteinsatz.

  

Ein weiterer Unfall war am 28. Mai die Explosion einer Sea Hawk beim Start. KptLt Steindorff konnte sich rechtzeitig retten. Ein Unfall mit einer Gannet des 2.MFG ereignete sich nur eine Woche später am 7. Juni auf der Startbahn in Jagel. KptLt Kiepp hatte das Fahrwerk beim Start zu früh einzog. Statt nach oben ging‘s noch ein Stück weiter nach unten und die Gannet rumpelte arg gerupft über die Bahn bis sie stark lädiert auf der Bahn liegen blieb. Die Besatzung blieb unverletzt. Die Maschine wurde mittels eines Kranes wieder auf ihre eigenen Füße gestellt, in den folgenden Tagen repariert und wieder in den normalen Flugdienst eingegliedert.

 

Am 1. Juli wird das Geschwader erneut umbenannt. Im Rahmen einer Neuorganisation wurde das 1.Marinefliegergeschwader (1.MFG), welches bisher mit seiner Geschwadergliederung nach englischem Muster betrieben wurde, auf das neue deutsche Luftwaffensystem nach F-104 StAN umgestellt. Gleichzeitig wurde das Geschwader in Marinefliegergeschwader 1 (MFG1) umbenannt. Auch der Aufbau der Staffeln änderte sich mit dem neuen System. Mehrzweckstaffel und Aufklärungsstaffel wurden aufgelöst und als 1. sowie 2.fliegende Staffel neu aufgestellt. Der „Commander Air“ im Stab des Kommodore wurde durch den Kommandeur Fliegende Gruppe ersetzt. Die Technische Staffel sowie die Versorgungs-, und Transportstaffel wurden ebenfalls aufgelöst und innerhalb der neu geschaffenen Technischen Gruppe als Instandsetzungsstaffel, Wartungsstaffel, Elektronik-, u. Waffenstaffel sowie Nachschubstaffel aufgestellt. Der T-Stab (Stab Technische Gruppe) und der Kommandeur Technische Gruppe bilden die Spitze dieser vier neuen Staffeln.

 

bisherige Geschwaderaufstellung:

 

Mehrzweckstaffel  (MZ-Stff)

Aufklärungsstaffel (AK-Stff)

Technische Staffel (T-Stff)

Versorgungs- und Transportstaffel (WvT-Stff)

 

neue Geschwaderaufstellung

 

Fliegende Gruppe

Stab fliegende Gruppe (F-Stab)

1.fliegende Staffel

2.fliegende Staffel

Technische Gruppe

Stab Technische Gruppe (T-Stab)

Instandsetzungsstaffel (TI)

Wartungsstaffel (TW)

Elektronik- und Waffenstaffel (TE)

Nachschubstaffel (TN)

Horstgruppe

Fliegerhorstfeuerwehr

Kraftfahrzeugstaffel

Bodenverteidigungsstaffel

Sanitätsstaffel

 

  

 

  Sea Hawk nach missglücktem Hakenfang
  Sea Hawk RB+362 (c/n 6706) nach mißglücktem Hakenfang
Foto: Archiv MFG1, Redaktion "DER NACHBRENNER"
Mit den seit Jahresanfang laufenden Umschulung der Techniker und Prüfer auf das Waffensystem F-104 Starfighter zeichnen sich die ersten Veränderungen für die Zukunft des Verbandes und das Ende der Sea Hawk's ab. Ab März wurde mit der Umschulung der ersten Piloten für die F-104 Starfighter bei der Waffenschule der Luftwaffe (WaSLw 10) in Nörvenich begonnen.

 

Mitte des Jahres wurde über die Start-, Landebahn eine Fanganlage für Notfälle installiert. Sie bestand aus schweren Ankerketten und einem Fangseil. Bevor die Anlage offiziell in Betrieb genommen werden sollte, müsste sie erst einmal getestet werden. Am 13. Juli erhielt OLtzS Kiermayr den Befehl, sich mit seiner Sea Hawk (RB+362) nach der Landung von der neuen Halteeinrichtung stoppen zu lassen. Die Geschwaderprominenz stand am Ende der Bahn und wartete angespannt auf dieses Ereignis. Die Maschine schwebte zum Anflug herein, setzte auf und rollte auf die Fanganlage zu. Der Fanghaken des Flugzeugs griff in das Fangseil, es knirschte und krachte, das Seil riss, schlug Funken und setzte die Maschine in Brand. Entsetzt sahen die Zuschauer, wie die Sea Hawk neben der Bahn auf der Wiese zum Stehen kam und in Flammen aufging. Der Pilot sprang mit einem Satz aus dem Cockpit und nahm die Füße in die Hand. Nachdem er nun endlich außer Atem, aber sonst gänzlich unversehrt, vor Kommodore KptzS Klümper stand, fragte ihn dieser: „Wie sind sie denn bloß raus gekommen?“ Seine klassische Antwort lautete kurz und knapp: „Zu Fuß Herr Kapitän, zu Fuß!“

 

Das der Flugplatz Jagel mit zwei Geschwadern vollkommen überbelegt ist und Platzmangel an der Tagesordnung steht, ist schon fast zur Normalität geworden. Am 17. Juni zeichnete sich aber ein erster kleiner Lichtblick am Horizont ab. Ein Vorkommando des MFG2 verlegte unter Führung von KptLt Kühne nach Altenwalde, um die Übernahme des Fliegerhorstes Nordholz durch das MFG2 vorzubereiten. Der Platzmangel hatte in Jagel jedoch auch etwas Positives. Es war bis hierhin nicht unüblich, dass ein Teil des Personals für beide Geschwader gleichzeitig gearbeitet hatte. So war die Nachschub- und Transportstaffel bis zum 1. Juli im MFG1 integriert und musste für das MFG2 aus dessen Betrieb herausgelöst werden. Die Herauslösung der Elektronik- und Waffenstaffel erfolgte am 10. Juli.

 

Am 24. Juli beschädigt LtzS Bredl seine Sea Hawk (RB+249) durch eine harte Landung so schwer, dass sich eine Reparatur nicht mehr lohnte und das Luftfahrzeug abgeschrieben wurde. Dies war der vierte schwere Unfall innerhalb der letzten vier Monate. OLtzS Schulze machte es LtzS Bredl am 28. August gleich und beschädigte seine Sea Hawk bei der Landung. Dass das Jahr 1962 kein gutes für die Sea Hawk war, zeigte sich spätestens am 12. Oktober, als die Maschine von KKpt Sander (RB+376) abstürzte. Er konnte sich nicht mehr retten und verstarb bei dem Unfall. Über die Unfallursache ist nichts weiter bekannt.

Als Traurige Zwischenbilanz bis Ende 1962 verlor das Geschwader in den letzten Jahren 6 Piloten mit ihren Sea Hawks, sieben Unfälle mit schweren Schäden an den Flugzeugen. Der Absturz einer Fouga Magister forderte zwei Opfer. Mit der Gannet wurden zwei Unfälle verzeichnet, wobei es zum Glück nur bei Materialschäden blieb.

 

Im April wird eine Sea Hawk für Kurzstart- und Kurzlandeverfahren nach Lakehurst/USA überführt. Der Rücktransport erfolgte teilweise an Bord eines Flugzeugträgers der US Navy der auf dem Weg Richtung Europa war. Beim Rückflug vom im Atlantik kreuzenden Flugzeugträger USS Saratoga (CV-60) kommend, gerät das Flugzeug (RB+364) am 18. August nach Zwischenstopps in Gibraltar und Bordeaux versehentlich in den Luftraum der DDR. Noch ehe die eigene Flugüberwachung ihn in westdeutsche Gefilde zurück lotsen konnte, reagierte die für das Gebiet der DDR zuständige Luftverteidigung und wird von sowjetischen MiG-21 Abfangjägern beschossen. Nach dem Beschuss und Verlassen des DDR-Luftraums hatte der Pilot KptLt Winkler zwar Luftnotlage („Mayday“) erklärt, auf Befragen aber eingeräumt, das Flugzeug sei anscheinend noch voll flugfähig. Deshalb wurde die Notlandung auf dem nächstgelegenen Bundeswehrflugplatz Fritzlar zunächst von ihm abgelehnt. Dem Jägerleitoffizier in der Bodenstation wurde telefonisch seitens der Marinefliegergruppe klargemacht, dass es am sinnvollsten sei, nach Bremen zu fliegen, wo Focke-Wulf als Instandhaltungsbetrieb für die Sea Hawk ansässig sei. Der Pilot hätte zwar die letzte Entscheidungsgewalt, hat sich aber der Befehlslage gebeugt. Im Endanflug auf Bremen stellte er fest, dass sich das Fahrwerk weder hydraulisch, elektrisch noch mit Handkurbel ausfahren ließ. Es war durch den Beschuss zu stark beschädigt. Um den zivilen Flugbetrieb auf dem Bremer Flughafen durch ein auf der Landebahn havariertes Flugzeug nicht für viele Stunden zum Erliegen zu bringen, wurde veranlasst, dass der Pilot zur kontrollierten Bauchlandung auf dem nahe gelegenen Marinefliegerhorst des 3.MFG in Ahlhorn ansetzt. Dort kam er aber nicht mehr an. Zirka einen Kilometer Süd-Östlich des Flugplatzes musste KptLt Winkler die Sea Hawk  mit dem Schleudersitz verlassen. Laut Aussage eines Bauern, dessen Haus beim Crash knapp verfehlt wurde, hing KptLt Winkler mit seinem Fallschirm in einem Baum. Ob der Einflug in den Luftraum der DDR im Bereich Eisenach wirklich ausversehen geschah oder ob es sich um einen „Navigationsfehler“ handelt, kann man nicht mehr nachvollziehen. Grund zum Rätselraten ist das Eintreffen einiger wichtiger Leute ohne Uniform am Unfallort. Die Überreste wurden abgeschirmt und in eine Halle des nahen Fliegerhorstes Ahlhorn verbracht. Der Aufklärungsbehälter hatte dabei besonderes Interesse der Herren und wurde unter Geheimhaltung abtransportiert. KptLt Winkler hingegen überstand den Ritt auf dem Schleudersitz relativ unversehrt, starb aber 1966 beim Absturz mit einer F-104 Starfighter. Der Unfall wurde aufgrund der Luftraumverletzung der DDR durch westdeutsche Militärluftfahrzeuge, dem Beschuss durch sowjetische MiG-21 als auch wegen möglichem Bild-, und Geheimmaterial an Bord der Sea Hawk als „Streng Geheim“ eingestuft. Für Presse und Öffentlichkeit wurde daher eine Geschichte um eine glimpfliche Bauchlandung in Ahlhorn gesponnen. Das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL berichtet in der Ausgabe 35/1962 in genau dieser Art und Weise von diesem Vorfall. Im Jahr 2002 wurden zufällig Überreste der Maschine im Boden gefunden. Die Reste wie Tragflächen und Rumpf der RB+364 wurden seinerzeit auf dem Landweg von Ahlhorn zur Firma Focke-Wulf nach Bremen gebracht und 1966 mit vierunddreißig anderen, davon siebenundzwanzig kompletten (flugfähigen?), von der Bundeswehr ausgemusterten, Sea Hawks über einen italienischen Zwischenhändler nach Indien verkauft. Der Frachter MS Billetal mit dem Zielhafen Neapel hat Italien nie erreicht, sondern lief direkt den Suezkanal an um am 23. Juni 1966 im indischen Cochin seine heikle Ladung zu löschen. Das sorgte damals für reichlich Zündstoff, da diese ehemaligen deutschen Sea Hawk‘s im indisch-pakistanischen Krieg auf indischer Seite gegen ehemalige deutsche F-86 Sabré kämpften. Diese wiederum waren 1964 an Pakistan verkauft worden. Da dieser Handel, nach Enthüllung durch das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL eindeutig ein Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz darstellt, musste sich Gerhard Mertins (Waffenhändler der Bundesregierung) vor Gericht verantworten. Die Bonner Staatsanwaltschaft erhob gegen ihn Anklage wegen illegalen Waffenhandels. Mertins wurde 1980 freigesprochen und erhielt eine Entschädigung des Bundes in Höhe von fünf Millionen D-Mark. Er konnte nachweisen, dass der BND (Bundesnachrichtendienst) die Exporte in Auftrag gegeben und er somit im Staatsauftrag gehandelt hatte.

 

Eine schwere Krise die für weltweites Aufsehen sorgte, zeichnete sich am 14. Oktober auf der Karibikinsel Kuba, die sogenannte „Kubakrise“ ab. Innerhalb von wenigen Stunden machten sich die ersten Auswirkungen auch in Kropp und Jagel bemerkbar. Während Agenten der Sowjetunion und der USA versuchten, jeweils ihre eigenen Interessen durch zu setzten und ihre Macht demonstrierten, wurde das Personal des MFG1 im fernen Norddeutschland in Alarmbereitschaft versetzt. Persönlichen Sachen und Gegenstände wurden eingelagert. Während das Personal Einsatzbereitschaft herstellt und auf seine Befehle wartet, wird in einer Besprechung über den eventuell bevorstehenden Einsatz sehr schnell klar, dass kein einziges Flugzeug des MFG1 für mögliche Kampfhandlungen mit dem Gegner ausreichend tauglich erscheint. Nach 13 Tagen, die die Welt beinahe für immer verändert hätten, entspannte sich die Lage wieder. Die Welt stand vor und nach der Krise nie wieder so dicht vor einem Atomkrieg.

 

Zum Ende des Jahres sah der „Fuhrpark“ des Geschwaders wie folgt aus:

1.fliegende Staffel:

15x Sea Hawk Mk.100 (Jäger/Jagdbomber)

2.fliegende Staffel:

15x Sea Hawk Mk.101 (Aufklärer)

sonstige:

4x Fouga Magister (Blindflugausbildung)

3x Do-27 (Verbindungsflugzeug)

 

 

 

 

1963 der Flug des Hauptgefreiten Metzger

 

Kronprinz Konstantin von Griechenland besuchte am 17. Januar das Geschwader und informierte sich über die Aufgaben des Geschwaders.

 

Mit dem 1. April wurde das Leben auf dem Fliegerhorst Jagel um einiges ruhiger. Das MFG2, welches seit 1958 Jahren als Dauergast in Jagel präsent war, verlegte innerhalb weniger Tage nun endgültig auf seinen Heimatplatz Nordholz. Dieser war bisher wegen Bauarbeiten noch nicht für den Flugdienst zu gebrauchen. FKpt Lorenz (Kommodore MFG2) führte die Verlegung im Hinblick auf die dort ebenfalls wie im MFG1 bevorstehende Umrüstung auf F-104 Starfighter.

 

Vom 23. - 26. Mai feierten die Marineflieger ihr 50 jähriges Bestehen mit einem „Tag der offenen Tür“ beim MFG5 in Kiel-Holtenau, an dem sich auch das MFG1 beteiligte.

 

Das erste „TAC EVAL“ (Geschwaderüberprüfung auf NATO-Ebene) des Geschwaders fand vom 9. - 13. Juni statt und konnte erfolgreich beendet werden.

 

Am 14. Juni, nur einen Tag nach dem „TAC EVAL“ gab es wieder einen tödlichen Flugunfall. KptLt Lange stürzte vor der schottischen Küste mit seiner Sea Hawk (VB+122) ab. Er ist damit bereits der 7. Pilot in der noch recht kurzen Geschwadergeschichte, der durch einen Unfall sein Leben verlor.

 

 
 F-104G Starfighter
Die Umrüstung und Umbauten von der Sea Hawk auf das Waffensystem F-104G Starfighter liefen in diesem Sommer unter Hochdruck. Wegen der damit verbundenen Bauarbeiten auf dem Flugplatz, verlegte am 3. Juli die 1. Fliegende Staffel auf den Fliegerhorst Nordholz um der NATO als Kampfverband weiterhin voll zur Verfügung zu stehen.

Mitten in den Umbaumaßnahmen auf dem Flugplatz übergab während einer Geschwadermusterung Kommodore KptzS Klümper seinen Dienstposten an seinen Nachfolger KptzS Jung.

 

Die Marineflieger hatten der Beschaffung des F-104 Starfighter nur sehr wiederwillig und zähneknirschend zugestimmt. Das Wunschflugzeug für die anspruchsvollen Einsätze über See sollte zweistrahlig und zweisitzig sein. Das traf vor allem auf die Buccaneer und die F-4 Phantom II zu. Beides waren Flugzeuge, die für die speziellen Bedürfnisse der Royal Navy und der US Navy entworfen wurden und alle Mindestforderungen übertrafen. Letztlich musste man sich wie so oft der Macht der Politik beugen, welche selten nach den Verwendungsmöglichkeiten eines solchen Flugzeugs urteilt. Der Finanzielle Gedanke und das eine oder andere Schmiergeld (was leider nie nachgewiesen wurde) sorgte dann dafür, dass sich die Marine dem Großauftrag der Luftwaffe anschloss und bei der Firma Lockheed den Starfighter bestellte. Am 10. September landete die erste eigene F-104G Starfighter auf Jagelaner Boden. Am Steuer saß KptLt Hanss, welcher die Maschine direkt vom Hersteller ins Geschwader überführte. Alles was Rang und Namen hatte, war vor Halle 31 angetreten um die neue Maschine zu empfangen. Da neue Waffen und Waffensysteme in der Regel der Geheimhaltung unterliegen, wurde das Flugzeug unter strenger Bewachung sogleich in die Halle 31 verfrachtet. Selbst die Mechaniker hatten ihre liebe Müh und Not um an die Maschine für Wartungsarbeiten und Inspektionen heran zu kommen. Als immer mehr Flugzeuge im Geschwader eintrafen, legte sich diese Sicherheitshysterie. Die ersten drei Flugzeuge wurden noch ohne Sichtschutzanstrich ausgeliefert.

Die 1. Fliegende Staffel wurde planmäßig ab dem 1. Oktober auf die F-104G Starfighter umgerüstet. Die 2. Staffel wird die Ausbildung der Nachwuchspiloten auf der Sea Hawk forcieren, um das Umsteigen auf die Hundertvier zu erleichtern. Obwohl der Zulauf von neuen Flugzeugen zügig vorangeht, ist der Einsatz wegen fehlender Bodendienstgeräte nicht möglich. Der Erstflug einer F-104G Starfighter des MFG1 erfolgt am 11. November. Dabei handelte es sich um eine zweisitzige Trainerversion TF-104G mit KptLt Zander am Steuer.

 

Der Um- und Ausbau des Kasernenbereichs in Kropp ging seit Monaten mehr oder weniger unauffällig aber unaufhaltsam weiter. Am 21. November konnte die neue Sporthalle durch Kommodore, KptzS Jung eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben werden.

 

 
  Sea Hawk VA+234 (c/n 6667) des HG Metzger an der Hauptwache des Fliegerhorstes
Zu einem in der Bundeswehrgeschichte wohl einmaligen Vorfall kam es am 5. Dezember. An diesem Tag waren in Jagel nur wenige Flugbewegungen geplant, ausschließlich IFR-Flüge und ein Werkstattflug. Als jedoch kurz vor 9.00 Uhr vom Tower eine gestartete Sea Hawk gemeldet wurde, machte sich sehr schnell Hektik im Geschwader breit. Wer konnte ohne Startgenehmigung diese Maschine fliegen? Nach einigen Telefonaten stand fest, dass es kein geplanter Flug mit einem dafür vorgesehenen Piloten war. In Windeseile wurde eine Rotte startklar gemacht, die die Verfolgung aufnahm. War es ein russischer Agent der die Maschine entwendete? Aber warum sollte man ein solch altes Flugzeug, das kurz vor seiner Außerdienststellung stand, klauen? Die Verfolger trauten ihren Augen nicht, als sie sahen, dass ein ihn bekannter junger Mann im Parka und Ohrenschützer die Maschine flog. Im Geschwader kamen die größten Befürchtungen auf. Es war der Hauptgefreite Peter Metzger der als Wart im Geschwader tätig war. Mit purem Anfängerwissen aus der eigenen PPL-Ausbildung für die Sportfliegerei, sowie seiner guten technischen Ausbildung hatte er als Wart unzählige Sea Hawk vor dem Flug abgefertigt. In Gedanken saß er sicherlich jedes Mal selbst auf dem Pilotensitz. Einen Tag vor diesem Flug lieh er sich in der Staffel das Flughandbuch für diesen Flugzeugtyp und studierte es über Nacht sehr ausführlich. Nun saß er in der Maschine und flog tatsächlich, zwar mit Verfolgern im Nacken, aber er flog. Er versuchte nach diversen unkontrollierten Flugverhalten einen Landeversuch auf der damals stark befahrenen E3/B77. Die Straße wurde gesperrt und es bildeten sich Kilometer lange Staus. Dann der Anflug auf die im Bau befindliche Landebahn. Der erste, viel zu schnell; der zweite Touch and Go (aufsetzen und durchstarten), der dritte Versuch klappte. Alle im Geschwader waren erleichtert, denn der Kraftstoff reichte nur noch für max. fünf Minuten. Die Verfolger waren die ersten, die dem Ausreißer, nach 45 Minuten Flug, zu dieser relativ guten Landung gratulierten. Er hatte sicherlich eine ganze Armee Schutzengel dabei. Der 19 jährige Wart war bei seiner Vernehmung noch etwas blass, aber trotz des großen Wirbels um seine Person nicht ohne Stolz über seine Leistung. Die Presse stürzte sich auf dieses Ereignis und sorgte für Schlagzeilen die keiner so schnell vergaß. Damals wie heute blieb die Presse bei ihrer Berichterstattung leider nicht immer bei der Wahrheit. Der Hauptgefreite Metzger soll nach vier Wochen Arrest wieder auf freien Fuß gesetzt worden und aus der Marine entlassen worden sein. Er hatte sich seinen Traum vom Fliegen erfüllt und ausgerechnet seine Sea Hawk fand nach ihrer späteren Außerdienststellung einen Ehrenplatz an der Hauptwache, wo sie bis zur Außerdienststellung des MFG1 stand. Danach verlor sich ihre Spur. Es wird vermutet, dass das Flugzeug verschrottet wurde. Auch die Spur von Peter Metzger verlor sich. Einige Quellen berichten, er hätte seine begonnene PPL-Ausbildung erfolgreich beendet, andere Quellen berichten dagegen von seinem Tod. Noch bis in die 1990er Jahre war eine großflächige Karikatur an der Hallenaussenwand der Halle Ost sichtbar: eine schön aufgemalte Sea Hawk mit abgehobenem Bugrad, aber mit einer dicken Eisenkette am Boden gesichert; aus dem Cockpit lugte ein übergrosser ratsuchender Wart-Kopf. Im Zuge der Hallensanierung verschwand dieses "Gemälde" hinter einer Blechverkleidung.

 

Kurz vor Jahresende war am 17. Dezember noch der Tod von OLtzS Töpert zu beklagen, als dieser mit seiner Sea Hawk (VB+120vor der schottischen Küste abstürzte.

 

 

 

 

1964 im Zeichen des Starfighter

  

 
  Starfighter F-104 der Marine - Ein Film über die Techniker der Marineflieger
YouTube Channel: Thorsten Borchardt
Quelle: YouTube
 
(wichtige Info hier)
Mit Beginn des neuen Jahres wurde die Umrüstung auf das neue Flugzeugmuster F-104G Starfighter fortgesetzt. Leider ließ auch der erste Unfall damit nicht lange auf sich warten. Am 31. Januar verlor das MFG 1 seine ersten beiden Starfighter durch Absturz. KptLt Zander und KptLt Buth können sich nach einem Zusammenstoß in 11000 m Höhe mit ihren Schleudersitzen retten. Welche Veränderungen das Jet-Zeitalter mit sich bringen sollte, kann man anhand der Absturzstellen sehen. Eine Maschine (VA+111) schlug in Stedesand bei Leck an der Nordsee nahe der deutsch/dänischen Grenze auf, die andere (VA+112) mehr als 100 km entfernt bei Waabs in der Nähe von Eckernförde an der Ostsee. Eine dritte am Unfall beteiligte Maschine konnte sicher in Jagel landen. Diese war zuvor noch in der Luft durch KptLt Feldes in seiner Sea Hawk auf Schäden begutachtet werden. Für die sichere Einschätzung der Schäden und die damit verbundene sichere Landung erhielt er eine Förmliche Anerkennung. Die am Unfall beteiligten Piloten gaben als Zeichen der Dankbarkeit ein rauschendes Fest für das Team im R&S-Shop. Dieses war unter anderem für das packen der Fallschirme zuständig.

 

Der Jahreswechsel brachte nicht nur ein neues Flugzeugmuster nach Jagel. Ab sofort bilden die „Fliegende Gruppe“, die „Technische Gruppe“ und die „Horstgruppe“ die drei festen Säulen, auf die der Verband organisatorisch aufgestellt ist. Ihnen ist jeweils ein Kommandeur zugeordnet.

Der Auftrag des Geschwaders lautet: Seekrieg aus der Luft in der Jagdbomberrolle mit Bordwaffen, Raketen, Bomben, Napalm und Luft-Boden-Raketen AS.30, mit Sicht- und Radaraufklärung als Zweitrolle.

 

In der Wartungsstaffel beginnen im April die AAP-8 Ausbildungen für die F-104. Diese Umfasst neben Theoretischem und praktischem Anteil auch zusätzliche militärische Komponenten.

 

Dass die Lieferung der neuen Flugzeuge schnell vorankommt, sah man daran, dass die letzte Einsatzmaschine bereits am 4. Juni ans Geschwader ausgeliefert werden konnte. Am 14. Juni führte das MFG1 mit ihren Sea Hawk und F-104 Starfighter Schauflüge für den „Tag der Flotte“ über den Liegeplätzen seiner Schiffe durch. Der anfängliche Flugbetrieb lief jedoch eher schleppend und recht spärlich. Die Wartungsmannschaft war froh, wenn es ihnen gelang 5 bis 10 Flugzeuge pro Tag in die Luft zu bekommen.

 

Die bestehende Infrastruktur in Jagel wies für ein modernes Luftfahrzeug dieser Zeit sehr große Mängel auf. Ausgedehnte Bauarbeiten veränderten das Aussehen des Fliegerhorstes und verbesserten die Infrastruktur des Geschwaders in zunehmendem Maß. Am 15. Mai wurde mit dem Bau eines neuen Towers begonnen und kurz darauf der neue Gefechtsstand des MFG1 seiner Bestimmung übergeben. Im Ost- und Westbereich des Platzes werden Gebäude für die die 1. und 2. fliegende Staffel geschaffen und widerstandsfähige Unterstände, so genannt „Shelter“ als nach außen geschlossene Stellplätze für Flugzeuge gebaut. Eine neue Ringstraße entlang des Flugplatzzaunes sorgt von nun an für mehr Sicherheit auf dem Fliegerhorst.

Die neu gebaute Landebahn 05/23 konnte am 28. Mai in Betrieb genommen werden. Mit einer Länge von 3000 Metern und einer modernen Fanganlage  war sie für die schnellen Düsenflugzeuge der Zukunft gut gerüstet.

 

Mit der Einführung einer zentralisierten Technik wurde ein gesteuerter Flugbetrieb ermöglicht. Zuvor wurde durch ein primitives „Ober sticht Unter“ jeglicher geregelter Flugbetrieb nahezu unmöglich gemacht. Ein kontinuierliches Abfliegen von planbaren Stunden war nicht möglich. Mensch und Material wurden dadurch unnötig verschlissen. Durch die neue strenge Regelung, welche durch General Steinhoff (Kommandeur 4. Luftwaffendivision) veranlasst wurde, verbesserten sich die Flugunfallrate und die Flugsicherheit wesentlich.

In der Zwischenzeit begab sich Vizeadmiral Albert Henri Johan von der Schatte Olivier (Oberbefehlshaber Königlich Niederländische Marine) am 15. April zu einem kurzen Informationsbesuch auf den Fliegerhorst Jagel.

 

Am 12. August legte die doppelsitzige TF-104G (TA+162, spätere 27+37) eine Hallenlandung hin. Bei Wartungsarbeiten in Halle 36 wurde versehentlich das Fahrwerk eingefahren und die Maschine dabei schwer beschädigt. Das Triebwerk war ausgebaut und der Hydraulikteststand angeschlossen. Im Triebwerksraum befanden sich zu diesem Zeitpunkt der Dockchef, Btsm Röpell und der Gefr Feldkamp um die Seilspannung des Seitenruders zu überprüfen. Nachdem der Teststand in Betrieb gesetzt wurde, ruckt und zuckte es in der Maschine, die innerhalb eines Augenblicks auf den Hallenboden sauste. Den beiden Technikern im Triebwerksraum fiel buchstäblich die Decke auf den Kopf. Einer der beiden kroch unverletzt aus der Maschine heraus. Der andere hatte weniger Glück. Er war mit einem Fuß zwischen den Fahrwerksklappen eingeklemmt. Obwohl vom Dockchef persönlich die Sicherheit und die Schalterstellungen im Cockpit überprüft wurden, hatte jemand in einer kurzen Abwesenheitsphase die Fahrwerksblockierung entfernt, den Fahrwerksbedienhebel auf „UP“ gelegt und die entsprechende Sicherung gedrückt. Nach der Hallenlandung sind beiden Beteiligten, sowohl durch KptLt Winkler (Technischer Offizier der Instandsetzungsstaffel) und einen Tag später durch den MAD jede Menge Fragen gestellt worden. Der MAD vermutete einen Sabotageakt, da im Zeitraum um diesen Unfall herum in Abständen plötzlich Instrumente aus den Maschinen, vor allem die Borduhren verschwanden. Ein Täter wurde jedoch nie ermittelt. Das Flugzeug wurde im Anschluss repariert und flog noch bis 1972 im MFG1. Danach wurde es nach Jever zur WaSLw10 (Waffenschule der Luftwaffe 10) abgegeben. Ab Januar 1980 war dann das JaboG34 (Jagdbombergeschwader 34) in Memmingen die neue Heimat. Im August 1984 wurde es an die italienische Luftwaffe verkauft und flog dort bis zu seiner Außerdienststellung im Jahr 2009 als MM54555.

 

In Lossiemouth (Schottland) wurde am 17. September ein Gedenkstein für KptLt Lange eingeweiht, der am 14. Juni 1963 vor der schottischen Küste abstürzte.

 

Am 8. Oktober begann die 1. PE (Periodic Inspection) an einer „F-104 G Starfighter“ in der Halle 36. Die Inspektion an der 22+16 (ehem. VA+107) erfolgte durch die Firma VFW.

 

In der Zeit vom 10. - 24. Oktober beteiligte sich OLtzS Hinrich John (mehrfacher deutscher Meister) erfolgreich an den Olympischen Spielen in Tokio. Beim 110m Hürdenlauf belegte er mit 14,1 Sekunden den fünften Platz.

 

 

 

 

1965 "Der Nachbrenner"
 

  

   

 

 
 
 
12. Juni - "Tag der Marine"
Fotos: Karl-Heinz Rölz
 
 
 
 
aus Geschwaderbefehl vom 14.05.1965:
Anzug für Offz u. PUO für die Musterung am 14.5.1965
anläßlich des Kommodorewechsels
"Weiße Mütze, Halbschuhe!"
aus Heft "Der Nachbrenner 65-1"
 
Zum Geleit

Heute stellt sich der NACHBRENNER erstmalig in seiner neuen Form
vor. Aus dem Mitteilungsblatt ist eine Zeitschrift geworden,
unsere Geschwader-Zeitung.

Die Redaktion - Angehörige aller Dienstgrade unseres Geschwaders
hat sich eine schöne aber keineswegs leichte Aufgabe gestellt,
denn der NACHBRENNER soll ein Spiegelbild unseres gemeinsamen
Lebens und Arbeitens werden. Mit seiner Hilfe wollen wir uns ge-
genseitig informieren, helfen und bilden. Er soll aber auch Binde-
glied des Geschwaders und seines Standortes zu unseren früheren
Kameraden, unseren Reservisten, sein.

Es liegt an uns allen, der guten Absicht zum Erfolg zu verhelfen.
Die Redaktion bedarf unser aller Unterstützung. Beiträge und kon-
struktive Kritik sind gleichermaßen willkommen. Alle sind zur Mit-
arbeit aufgerufen.

Ich wünsche der Leserschaft des NACHBRENNERS viel Freude, der Re-
daktion gutes Gelingen ihrer Arbeit und unserer Geschwader-Zeitung
viel Erfolg.

Der Kommodore
Vorwort des Kommodore zum ersten Heft "DER NACHBRENNER"
Neben dem Nachbrenner seiner F-104 Starfighter erhält das Geschwader am 28. März eine Geschwaderzeitung gleichen Namens. "DER NACHBRENNER" soll in Zukunft Spiegelbild des Geschwaders sein und über Aktivitäten und Ereignisse im MFG1 und dessen Umgebung berichten. Jeder Geschwaderangehörige und/oder Leser hat die Möglichkeit hier in Wort und Bild seine Meinung kund zu tun. „Der Nachbrenner“ soll ein Bindeglied zwischen neuen und ehemaligen Geschwaderangehörigen und der Zivilbevölkerung werden. Das erste gebundene Heft im DIN-A5 Format erschien dann im August und löste in dieser neuen Form die bisherigen Nachbrenner-Mitteilungsblätter (in loser Blattform) ab.

 

Der gute Ausbildungsstand der Piloten und Techniker erlaubte es dem Geschwader am 1. April, die 1. Staffel mit 15 Starfightern, der NATO als bedingt einsatzbereit zu unterstellen. Zuvor jedoch verlor das MFG1 am 18. März einen Starfighter (VA+116) durch Absturz. Der Pilot, OLtzS Baumann verlor sein Leben, als sein Flugzeug im Tiefflug über See Kontakt mit der Wasseroberfläche bekam. Eine weitere F-104 (TA+163) ging am 26. April durch Absturz verloren. Die Piloten OLtzS Rösner und OLtzS Lutz konnten ihre zweisitzige Trainermaschine mit dem Schleudersitz verlassen. OLtzS Rösner ereilte 1966 erneut das Schicksal. Er musste wegen eines Triebwerkschadens wieder seinen Starfighter mit dem Schleudersitz verlassen. Durch einen vermutlichen Fehler von Pilot und Wart am Boden, wurde der Verschluss des Fallschirmes nicht eingehängt. Dadurch konnte sich der Schirm nicht öffnen und der Pilot wurde beim Aufschlag auf den Boden getötet.

 

Bundesverteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel überreicht am 23. April dem MFG1 an der MUS (Marine Unteroffizier Schule) in Plön die Truppenfahne. Insgesamt 20 Marineeinheiten nahmen an diesem Zeremoniell im Beisein von VAdm Zenker (Inspekteur der Marine) teil. Nach einem Marsch durch die Gemeinde Kropp, der die neue Fahne am 30. April vorgestellt wurde, fand sie ihren endgültigen Platz im Dienstzimmer des Kommodore. 

 

In einer Pressekonferenz am 5. Mai, teilte Vizeadmiral Mahlke (Flottenchef) der Öffentlichkeit mit, dass die Umrüstung auf die F-104 Starfighter abgeschlossen ist und das Geschwader bis zum Jahresende der NATO voll kampfbereit zu Verfügung stehen soll.

 

Kommodore, KptzS Berthold Jung übergab am 14. Mai in einer großen Geschwadermusterung den „Chef-Sessel“ zum 1. Juli an seinen Nachfolger, FKpt Günter Luther. KptzS Jung wechselt nach Kiel und wird Stabschef des Befehlshabers der Flotte. FKpt Luther, der neue Kommodore ist den Geschwaderangehörigen kein Unbekannter und war bisher als Kommandeur der Fliegenden Gruppe im MFG1 tätig. Er war in den Anfangszeiten der Bundeswehr einer der ersten Piloten, die ihre Flugzeugführerausbildung in den USA absolvierten.

Der erste im August erschienene "DER NACHBRENNER", nahm sich seiner aufgrund einer etwas unglücklich gewählten Wortwahl im "Geschwaderbefehl vom 14.Mai 1965" an. Darin hieß es tum Thema Anzugsordnung für Offiziere und Portepee-Unteroffiziere kurz und knapp "Weiße Mütze, Halbschuhe!" Das die Redakteure des NACHBRENNERS Humor hatten, bewiesen sie zugleich mit der ersten Karrikartur in der neuen Geschwader-Zeitung.

  

Rund 50.000 Besucher kamen am 12. Juni zum „Tag der Marine“ auf den Fliegerhorst Jagel. Der Großflugtag wurde von Kommodore, KptzS Luther feierlich eröffnet. Zum ersten Mal, wurden der Bevölkerung der Betrieb und die Lautstärke der neuen Starfighter demonstriert. Das Geschwader hatte zu diesem Zeitpunkt einen Personalstand von 1564 Soldaten und 47 Flugzeugen im „Fuhrpark“.

 

Bis zur kompletten Einsatzreife der F-104 wurden die letzten Übungsflüge auf den alten Sea Hawks geflogen. Am 30. Juni 1965 verließ die letzte einsatzfähige Sea Hawk das Geschwader. Diese wurden alle komplett an das neu aufgestellte MFG2 nach Nordholz überführt. Damit enden die aktive Zeit und die Assignierung der deutschen Sea Hawk in Jagel und der NATO. Einen Tag später wurde in der 2. Fliegenden Staffel die F-104 Starfighter in Betrieb genommen und die Staffel der NATO als „bedingt Einsatzbereit“ gemeldet. Aufgrund technischer Probleme in den angebauten Pylontanks sank der Klarstand von anfangs 16 Flugzeugen auf zwischenzeitlich 8 Flugzeuge. Nachdem die Ursachen für die Probleme gefunden waren, stieg der Klarstand auf bis zu 27 Maschinen. Als neuer Kommander der fliegenden Gruppe wurde KKpt Helmut Otto ernannt.

In etwa zur gleichen Zeit wurde auch mit dem Neubau von 15 Unterkunftsblöcken im Kasernenbereich in Kropp begonnen.

 

Am 10. September meldet der Kommodore KptzS Luther den ersten Flugsimulator für die F-104 Starfighter als „ready for training“.

 

Nach der Umrüstung auf F-104 sollte das MFG1 erstmals wieder an einem Flottenmanöver teilnehmen. „BOTANY BAY“ war vom 13. – 24. September als Großübung angesetzt.

 

Im Oktober begann der Aufbau der Sportfluggruppe im Geschwader. Die bereits 1959 durch Erlass des Bundesverteidigungsministerium beschriebenen Ziele waren neben sportlicher Ertüchtigung beim Erwerb von Luftfahrerscheinen für Segel- und Motorflugzeugen auch die Steigerung der Dienstfreudigkeit, Kameradschaftspflege, Kontaktpflege zur zivilen Sportfliegerei auch der Nachwuchswerbung für den fliegerischen Dienst innerhalb der Bundeswehr. Für den Soloschein auf Motorflugzeugen war eine Ausbildungszeit von ca. 1½ Jahren vorgesehen.

 

Im Oktober besuchte VAdm Zenker (Inspekteur der Marine) den Fliegerhorst, um den Alltag im Geschwader kennen zu lernen.

 

Im Dezember wurde FKpt Lemp als Kommandeur der Technischen Gruppe von KKpt Klemmusch abgelöst. FKpt Lemp verlässt das MFG1 und wird am 20. Dezember zum neuen Kommodore des MFG2 in Nordholz ernannt.

 
 

 

 

 

 

1966 immer wieder Abstürze

  

Das Jahr 1966 brachte kaum Veränderungen im Geschwader mit sich. Die Umbauten auf dem Fliegerhorst und die Umrüstung auf F-104 Starfighter waren nahezu komplett abgeschlossen.

Am 18. März fand für die Piloten ein erstes Überlebenstraining auf See in List/Sylt statt. In etwa zur gleichen Zeit stellte das Geschwader auch eine Box-Staffel auf, die beim Vergleichskampf gegen Holstein Kiel leider mit 21:5 Punkten unterlag. Erfolgreicher waren da die Langläufer. Bei drei Waldläufen konnten in der Nähe von Schleswig zwei 1. und je ein 4. sowie ein 5. Platz belegt werden.

 

Gleich nach dem Start in Jagel stürzte am 2. Mai OLtzS Rösner wegen eines Kompressor-Stall im Triebwerk mit seinem Starfighter (VA+104) ab. In der Nähe der Gemeinde Börm betätigte er noch den Abzugsgriff des Schleudersitzes. Durch einen vermutlichen Fehler von Pilot und Wart am Boden, wurde der Verschluss des Fallschirmes nicht eingehängt. Dadurch konnte sich der Fallschirm bei diesem Sitzausschuß in ca. 500m Höhe nicht öffnen. OLtzS Rösner verstarb trotz erster Hilfe durch einen am Absturzort zufällig anwesenden Landwirt. Bereits im Jahr zuvor hatte er seine Maschine wegen eines Triebwerksausfalls mit dem Schleudersitz verlassen müssen.

 

In der Zeit vom 3. - 12. Mai nahm das MFG1 am NATO-Manöver „BRIGHT HORIZON“ teil. Auf einem dieser Übungsflüge stießen am 10. Mai in der Nähe des Feuerschiffs „Texel“, KptLt Winkler und OLtzS Stehr mit ihren Starfightern (VA+115 & VB+240) bei schlechter Sicht in der Luft zusammen. Beide verloren ihr Leben beim Absturz. Bei den Sucharbeiten wurden neben den beiden Piloten lediglich die Schlauchboote, welche sich bei Kontakt mit Wasser automatisch aufblasen, gefunden. Damit verlor das Geschwader innerhalb von acht Tagen 3 Piloten und dessen Flugzeuge. Das tragische an den Abstürzen war aber auch, dass alle drei Luftfahrzeuge von demselben 1.Wart abgefertigt wurden. OMt Steinberger hatte es seelisch so sehr mitgenommen, dass er sich erst einmal aus dem Dienst auf der Flight-Line zurück zog und in den Innendienst wechselte.

 

Eine Freizeit- und Begegnungsstätte für Soldaten und Zivilisten soll das neue Soldatenheim in Kropp werden. Es wurde nach nur 1½ jähriger Bauzeit im Februar 1968 feierlich seiner Bestimmung übergeben.

 

Am 19. August wurde Kommodore Luther vom Fregattenkapitän zum Kapitän zur See befördert.

 

Am 20. September hatte das MFG1 wieder hohen Besuch zu vermelden. General de Maizière (Inspekteur der Bundeswehr) und VAdm Zenker (Inspekteur der Marine) waren die beiden Gäste im Geschwader.

 

Das die F-104 Starfighter ein Flugzeug ist das keine Fehler verzeiht, zeigte sich am 18. Oktober. OLtzS Engelmann musste seine Maschine (VA+145) aufgrund eines Triebwerkausfalls mit dem Schleudersitz verlassen und wurde in einer dramatischen Rettungsaktion aus der aufgewühlten kalten Nordsee geborgen. Die Häufung der Starfighterabstürze in der Bundeswehr beunruhigt Mittlerweile längst die Öffentlichkeit und die Politik. In Debatten wird über Sicherheit und Zuverlässigkeit des Flugzeugs diskutiert. Einer der Gründe, weshalb die Maschine in Deutschland den Ruf als „Witwenmacher“ bekam ist, dass Deutschland sehr viele von diesen Maschinen besaß und die Ausbildung der Piloten und Technikern nicht ausreichend war. Die deutsche Version F-104G war vollgestopft mit Zusatzgeräten und Ausrüstung, was das Flugverhalten der ohnehin schwer zu manövrierenden Maschine negativ beeinträchtigte. Das das Flugzeug in Deutschland alle Varianten als Jäger, Jagdbomber, Bomber, Aufklärer usw. auf einmal erfüllen sollte und die Flugzeuge zum Teil für Missionen eingesetzt wurden, die für dieses Flugzeug nicht konzipiert waren, kam es immer wieder zu Unfällen. Die meisten Flugplätze und deren Infrastruktur der noch relativ jungen Bundeswehr befanden sich mit Einführung der neuen Flugzeuge noch im Aufbau. Im zweiten Weltkrieg besaßen Flugplätze in der Regel nur eine größere Halle, auch Werft genannt. Dort kamen die Flugzeuge nur zur Wartung oder Reparatur hinein. Im Anschluss kam das Flugzeug wieder nach draußen. An dieser Tatsache hatte sich auch in der Anfangszeit nach dem Krieg nichts geändert. Die mit modernster und anfälliger Technik vollgestopften Starfighter standen bei Wind und Wetter, Sonne, Regen, Schnee, Hitze, Kälte usw. ungeschützt im Freien.  Auch die Tatsache, dass die Maschine nur ein Triebwerk besitzt, trägt zur Häufung der Unfälle bei. Nach dem Bau von Flugzeugschutzbauten (Shelter), und neuen Hallen war zumindest das Witterungs-Problem weitgehend gelöst. Alle nach dem Starfighter von der Bundeswehr gekauften Flugzeuge besaßen mindesten zwei Triebwerke.

 

Seit November hat die Hauptwache Jagel einen neuen Blickfang für ankommende Besucher und Geschwaderangehörige. Die Sea Hawk (VA+234) mit der im Jahr 1963 der HG Metzger seinen tollkühnen Alleinflug machte, wurde dort als „Gate Guard“ aufgebaut.

 

 

 

 

1967 ungebetener Besuch

 

 
F-104 Starfighter 22+75 nach Dacheinsturz
Foto: Archiv MFG1, Redaktion "DER NACHBRENNER"
 
Einen „Schwarzen Freitag“ erlebte das Geschwader am 23. Februar, als ein recht unbeliebter Gast ganz Norddeutschland und den Fliegerhorst heimsuchte. Der Gast war ein umfangreiches Sturmtief, welches von Nordwesten her mit ungekannter Stärke über den Platz fegte. Nachdem der Sturm vorbei war, sah es in Halle 154 so aus, als hätte man gerade einen Raketen- oder Bombenangriff halbwegs überstanden. Der Wind drückte durch die Hallentore herein und die sorgenvollen Blicke der Soldaten und zivilen Mitarbeiter richteten sich an die Hallendecke, welche sich merkwürdig zu bewegen schien. Der Sturm erfasste, zerlegte das riesige Dach und ließ es größtenteils in die Halle fallen. Mitten im Betonstaub sieht man den Chef der EloWa-Staffel (KKpt Herold) am Telefon stehen. Er meldet seinem Kommandeur „Herr Kapitän, ich melde Ihnen, wir takeln ab“. Die Bereitschaftsstufe 5 wurde ausgerufen und die Stahlhelme waren noch nie so schnell freiwillig auf dem Kopf. Draußen vor der Halle lagen Soldaten in Deckung bzw. flach auf dem Rasen, in der Hoffnung, keinen von den herumwirbelnden Platten und Betonbrocken abzubekommen. In der Halle waren fünf Starfighter abgestellt. Die 22+75 wurde dabei besonders schwer beschädigt. Die Maschine wurde in die schwere Industrieinstandsetzung nach Manching abgegeben, wieder instand gesetzt und flog noch 8,5 Jahre im Einsatz des MFG1 bis sie am 22. August 1975 über dem Wattenmeer abstürzte.

 

Trotz der Zwischenfälle im Februar verlief der Flug- und Ausbildungsbetrieb der Starfighter stramm weiter. Vom Ausbildungsstand machte sich am 10. Mai, General Darling (CHINCNORTH) während eines Besuches in Jagel, selbst ein Bild. Nur einen Tag später wurde im Rahmen der Wehrbetreuung die neue Minigolfanlage des Geschwaders eingeweiht. Am 17. Mai besucht Herbert Wehner, SPD (Minister für gesamtdeutsche Fragen) den Fliegerhorst des MFG1.

 

Am 22. Mai stürzte OLtzS Lange kurz nach dem Start in Nörvenich wegen eines Kompressor-Stalls, verursacht durch einen Fremdkörper (FOD) im Triebwerk ab. Er konnte seinen Starfighter (VA+133) sicher mit dem Schleudersitz verlassen. Am Boden wurde eine Person durch Trümmerteile beim Aufschlag des Flugzeugs schwer verletzt.

 

Verschiedene Baufirmen begannen in diesem Sommer mit dem Bau der Werkstätten für Bodendienstgeräte und der Triebwerksinstandsetzung.

 

Das Geschwader hatte sich für den NATO-Schießwettbewerb „BULLS EYE“ im norwegischen Sola (Stavanger) hohe Ziele gesteckt. Zum ersten Mal sollte das MFG1 vom 19. bis 29. Juni an dieser Übung teilnehmen. Dafür verlegte die 2. Fliegende Staffel unter dem Kommando von KKpt Ziebis nach Norwegen. Da die Übung jedoch gründlich in die Hose ging und der Verband so schlecht abschnitt, wurde sogleich ein Übungsschießabschnitt im italienischen Deci gebucht. Von Juni bis August verlegt dafür ein Kommando des Geschwaders mit kompletter Wartung, Instandsetzung und F-104. Es ist das erste Mal, dass ein Kommando für längere Zeit außerhalb Jagels tätig ist. Gute Wartung und Instandsetzung und dieses Mal respektive gute Schießleistungen der Piloten (anders als noch zuletzt in Norwegen) zeigen das hohe Maß an Motivation unter allen Kommandoteilnehmern. Innerhalb dieses kleinen Kontingents wird Kameradschaft und Hilfe zwischen Piloten, der Wartung und Instandsetzung sehr groß geschrieben.  In der Zwischenzeit hat die eigene Fliegerhorst-Feuerwehr in Jagel alle Hände voll zu tun. Am 26. Juli muss sie zu einem Großbrand in der Schleswiger Heereskaserne „Auf der Freiheit“ (ehem. Fliegerhorst Schleswig/See) ausrücken.

 

Eine Fouga Magister (SA+104) des Geschwaders die als Schulungsflugzeug eingesetzt war, stürzte am 21. September in der Nähe von Stenderup ab. Augenzeugenberichten zufolge, explodierte das Luftfahrzeug in der Luft. Die Besatzung kam dabei ums Leben. In wie weit man Augenzeugen Glauben schenken kann, zeigt die Tatsache, dass die Maschine weitgehend komplett an einer Stelle gefunden wurde. Ein Besatzungsmitglied hatte noch versucht auszusteigen, wurde aber durch das Leitwerk getötet. Das andere Crew-Mitglied saß noch immer angeschnallt in seinem Sitz.

Schleudersitze vom Typ Martin Baker Mk.GZ4 waren ursprünglich für die Nachrüstung in diesem Flugzeugmuster vorgesehen. Die Umrüstungen wurden dann aber durch die bereits beschlossene Außerdienststellung dieses Flugzeugtyps bei Luftwaffe und Marine nicht mehr durchgeführt. Sicherlich kein Trost für die fliegenden Besatzungen. Bei Luftwaffe und Marine gingen insgesamt 20 von 265 für Deutschland gebaute Flugzeuge durch Unfälle verloren. Dabei wurden mind. 23 Piloten getötet.

 

Nach fast zweijähriger Bauzeit wurde im Oktober der neue Tower seiner Bestimmung übergeben.

 

KKpt Jürgen Dubois wurde am 1. Oktober neuer Kommandeur der Fliegenden Gruppe. Er trat damit die Nachfolge von FKpt Otto an, der in Zukunft beim Flottenkommando als A3 Marineflieger FFO seinen Dienst verrichten wird.

 

Flottillenadmiral Jung (Kommandeur der Marineflieger) konnte am 7. November Vizeadmiral Vilbert (Chef franz. Seestreitkräfte) als Gast auf dem Fliegerhorst Jagel begrüßen.

 

Trotz aller Umstände und Zwischenfälle schaffte es das Geschwader in den Monaten Juni und September zum ersten Mal jeweils 700 Flugstunden auf F-104 Starfighter zu erfliegen. Am Jahresende konnten 11407 Jahresflugstunden auf dem Konto des Geschwaders verbucht werden.

 

 

 

 

1968 halb Norwegen ohne Strom

 

 
 
   F-104 Starfighter 22+30 & 22+70 nach Zwischenfall in Ørland (Norwegen)
 Foto: G. Behm
Der 13. Februar war ein Tag der Freude. Unter der Bauleitung von HptBtsm Griese wurde in knapp 1½ jähriger Bauzeit aus privat finanzierten Mitteln und ohne Beteiligung des Verteidigungshaushaltes das neu erbaute Soldaten- und Freizeitheim seiner Bestimmung übergeben. Einige schwere Stürme in der Vergangenheit lieferten das Baumaterial dafür. Es wurde ein schönes Blockhaus, das überwiegend in Eigenarbeit gebaut wurde.

 

Am 5. März wurden durch OLtzS Hechler die 50.000ste Gesamtflugstunde des MFG1 erflogen. Gleichzeitig wurde durch OLtzS Behrmann in einem weiteren Flugzeug die 20.000ste Flugstunde des Geschwaders auf F-104 Starfighter erflogen. 20.000 Flugstunden entsprechen in etwa 9.000.000 Nautischen Meilen (etwa 16.700.000km). Das würde etwa 417 Erdumrundungen oder 46 Reisen zum Mond entsprechen. Ein einzelner Pilot hätte dafür 1855 Tage oder 2 Jahre, 4 Monate und 5 Tage ununterbrochen im Cockpit sitzen müssen.

 

Leider verlief auch dieses Jahr nicht ohne Flugunfall. Am 4. April stürzte KptLt Fischer mit seiner F-104 (22+27) in der Nähe von Eckernförde ab und starb. Es war der 79. Verlust eines Starfighters der Bundeswehr bei dem bis dahin bereits 39 Piloten ihr Leben verloren. Die Unfallursache konnte nie abschließend geklärt werden.

 

Zu einem Truppenbesuch traf sich Herr Léo Cadieux (Verteidigungsminister Kanada) mit seinem deutschen Amtskollegen Dr. Gerhard Schröder am 23. April in Jagel.

 

Kommodore, KptzS Luther begrüßt am 20. Mai die Teilnehmer des Schießwettbewerbs „BULLS EYE“. Dieser Wettbewerb dauert 10 Tage und die etwa 50 Teilnehmer kamen mit 28 Flugzeugen aus sieben verschiedenen Einheiten von der US-Air Force, der norwegischen und der deutschen Luftwaffe. Um sich den Wettbewerb vor Ort anzusehen kamen General Darling (CINCNORTH) und General Rasmussen (Kommandeur Landstreitkräfte Nordeuropa) in kurz aufeinander folgenden  Abständen zu Besuch nach Jagel. In der Endabrechnung dieses Wettbewerbes belegte die 1.Staffel des MFG1 den dritten Platz. In der Einzelwertung kam KptLt Seeck auf einen hervorragenden zweiten Platz. Den fünften Platz bei den Schießwettbewerben belegte KKpt Zander.

 

Ein Richtfest besonderer Art wurde am 28. Mai im Unterkunftsbereich in Kropp begangen. Gleich 15 neue, zweigeschossige Blöcke wurden gebaut und sollen nun fertig gestellt werden. Für diese Bauarbeiten wurde das Kasernengelände um 18 Hektar vergrößert und ist damit jetzt fast doppelt so groß wie bisher. Als weitere Bauabschnitte sind ein San-Zentrum, Offiziersunterkünfte, ein Dienstgebäude für die StOV und eine Sporthalle geplant.

 

Vom 9. - 13. Juni fand im Geschwader nach fünf Jahren Pause wieder ein „TAC EVAL“ (Geschwaderüberprüfung auf NATO-Ebene) statt, welches von allen Teilnehmern erfolgreich beendet wurde.

 

Am 5. Juli beging das MFG1 mit einem großen Geschwaderappell sein 10jähriges Bestehen. Im Beisein vom VAdm Hetz (Befehlshaber der Flotte), FAdm Jung (Kommandeur der Marineflieger) ließ KptzS Luther (Kommodore) die 10 Jahre Revue passieren.

Nahezu 55.000 Flugstunden wurden bis dahin „produziert“. Der Arbeitsaufwand betrug gesamt ca. 12.000.000 Arbeitsstunden, wobei ca. 80.000.000 Liter Kraftstoff verbraucht wurden. 127 bauliche Veränderungen konnten in den vergangenen 10 Jahren registriert werden. Darunter befanden sich Hallen, Unterkünfte, Werkstätten, Startbahnen usw... Auch die Gemeinde Kropp kam nicht zu kurz. Sie entwickelte sich zur drittgrößten Gemeinde des Kreises Schleswig-Flensburg. Mehr als 200 Familien fanden hier ein neues zu Hause. Der Fliegerhorst war zu einer Drehscheibe und das Geschwader zu einem Vorzeigeverband für VIP‘s aus aller Welt geworden. Am 6. Juli wurde das 10 jährige Jubiläum mit einem kleinen Tag der offenen Tür gefeiert. Zirka 15.000 Besucher waren begeistert nach Jagel gekommen um sich von den fliegerischen Leistungen, den Ausstellungen und den Vorführungen am Boden und in der Luft selbst ein Bild zu machen. Von den 5000 Portionen Erbsensuppe blieb nichts mehr übrig.

 

Wie bereits im letzten Jahr verlegt von Juni bis August wieder ein kleines Kommando, bestehend aus Piloten, Technikern und eigenen Starfightern nach Deci/Sardinen. Während der Übungsflüge über dem Mittelmeer wird der taktische Waffeneinsatz auf Seeziele in verschiedenen Flughöhen und Übungsszenarien gelehrt und geübt.

 

Im September meldete die Geschwadereigene Fahrschule seinen 1.000sten Fahrschüler. Zu den Fahrschülern in der Vergangenheit gehörten u.a. der jetzige Kommodore KptzS Luther, diverse Kommandeure, Militärärzte und ein Militärpfarrer.

 

Am 3. September löste KKpt Cyss als neuer Kommandeur Technische Gruppe seinen Vorgänger FKpt Klemmusch ab.

  

Jeder Pilot hofft, dass dieser Fall niemals eintritt und man immer wieder heil und unversehrt festen Boden unter die Füße bekommt. Ab und an kommt es aus den unterschiedlichsten Gründen aber dennoch vor, dass man das Cockpit in einer Notsituation mit dem Schleudersitz verlassen muss. Mit etwas Pech passiert der Vorfall über offener See, bei Nacht oder widrigstem Wetter. Damit man nicht vollkommen unvorbereitet in eine solche Situation stolpert und sich fürs Erste selbst helfen kann, werden Piloten im Sea Survivals Training auf das Überleben auf hoher See ausgebildet. Dort wird vermittelt wie der Schleudersitzausstieg von statten geht, welche Handgriffe nötig sind solange man am Fallschirm hängt, wie man sich nach der Wasserung aus dem Gurtzeug befreit, mit Wind und Wellen zurechtkommt, ins Schlauchboot gelangt, sich bemerkbar macht oder kurz gesagt, ÜBERLEBT.

Mehrmals im Jahr finden vor der Küste von Sylt Kurse statt, in denen gefahrlos genau diese Situation geübt wird. Jeder Pilot der Marineflieger nimmt mindestens einmal daran teil. Der 7. September war wieder ein solcher Übungstag. Nachdem sich die Piloten in ihr Schlauchboot „gerettet“ hatten, sollten sie nach einiger Zeit durch einen Hubschrauber vom Typ H-34G des MFG5 gerettet werden. Aus der Übung wurde schnell ernst, nachdem der Motor des Hubschraubers an Leistung verlor, dieser dann auf die Wasseroberfläche aufprallte und selbst in der Nordsee zu versinken drohte. Die Crew war schnell gerettet und blieb unverletzt. Die 81+03 musste nach der Notwasserung als Totalschaden abgeschrieben werden.

  

Zur Teilnahme am NATO-Manöver „SILVER TOWER“ verlegte das Geschwader am 18. September mit zahlreichen Technikern, zwölf Piloten und Maschinen nach Ørland/Nordnorwegen. Am 25. September gingen auf dem gesamten Flugplatz und in der Region Ørland plötzlich alle Lichter aus. Auf dem Flugplatz sprangen die Notstromdiesel an und die Feuerwehr eilte zur Startbahn. Was war geschehen? Während eines Manövereinsatzes legten zwei F-104G Starfighter des MFG1 die Stromversorgung in halb Norwegen lahm. Weil die Landebahn kurzfristig gesperrt war, mussten die beiden Maschinen durchstarten und überflogen einen Fjord nördlich von Trondheim. Zu spät bemerkten sie, die nahe der Ortschaft Trongsundet über dem Wasser des Verrasundfjord verlegten Hochspannungsleitungen. Der Rottenführer zerriss mit dem Höhenleitwerk der 22+70 eine Leitung, während die zweite Maschine (22+30) von der zerrissenen Leitung am Cockpit getroffen wurde, so dass das Kabinendachglas „erblindete“. Beide Maschinen landeten später stark lädiert aber sicher in Ørland. Da die Flugzeuge nun fluguntauglich waren, wurden sie von den Technikern für einen Lufttransport jeweils im Bauch einer C-124C Globemaster II der US-Air Force vorbereitet und anschließend zur Reparatur nach Manching ausgeflogen.

 

Am 1. Oktober wechselte KKpt Ziebis von seinem Kommandeursposten im MFG1 in das MFG2 und übernahm dort als Kommandeur die Fliegende Gruppe.

  

Bei einer Geschwadermusterung am 11. Oktober übergab der Kommodore, KptzS Luther die Führung des MFG1 an seinen Nachfolger KptzS Reger. KptzS Luther wechselte in die Führungsspitze nach Bonn.

 

 

 

 

1969 Bundeskanzler Kiesinger zu Besuch

  

 
  Sea Hawk VA+234 (c/n 6667) vor dem Haupttor des Fliegerhorstes Jagel
Foto: Cramers Kunstanstalt K.-G., Dortmund (Archiv Nr: 672West67)
Diese Postkarte entstand damals im Auftrag fürs Hotel "Zum Norden"; Jagel (1969)
 
  Kommandoteilnehmer "BULLS EYE '69" in Skrydstrup
Foto: via H.-G.Ketels
Während Norddeutschland unter einem langen und kalten Winter ächzte, hatte ein kleiner Teil des MFG1 Personals das Glück, vom 7. Januar – 13. Februar  zu einem Kommando nach Deci (Italien) zu verlegen. Wie bereits in den vergangenen Jahren wurden Schießübungen in verschiedenen Flughöhen bei unterschiedlichen Szenarien geübt. Das MFG1 und das MFG2 bildeten ein gemeinsames Kommando, teilten sich die Arbeit, Aufgaben und Flugzeuge. 80 Soldaten und elf F-104 Starfighter verlegen dafür aus Eggebek und Jagel nach Sardinien. Die Zusammenarbeit gelang viel besser als gedacht. Nach kurzer Zeit sprach man nur noch vom „Navy Kommando“ und nicht mehr vom MFG1 oder MFG2. Der hohe Klarstand der Maschinen, sowie die Abdeckung aller möglichen Slots, brachte dem gemeinsamen Kommando sehr hohe Anerkennung. Sie flogen in dieser Zeit 472 Schießeinsätze.

 

Die Sportfluggruppe verbuchte im Februar ihre 1.000ste Flugstunde. Am Steuerknüppel der Jubiläumsmaschine saß der Leiter der Gruppe, KptLt Gerdes.

 

Sir Charles Elworthy (Chef des Verteidigungsstabes der brit. Streitkräfte, Marshal of the Royal Air Force) besuchte am 21. März den Fliegerhorst des MFG1 in Jagel.

 

Durch Selbstentzündung einer, unter der Tragfläche angebauten Rakete, wurde am 25. März ein Soldat des MFG1 schwer verletzt. Mit schweren Verbrennungen und einem Schock wurde er mit dem Hubschrauber zur Uni-Klinik Kiel transportiert. Leider liegen keine weiteren Erkenntnisse über seine Genesung vor.

 

Am 1. April wurde KKpt Seidenbusch neuer Kommandeur der Horstgruppe.

 

Weiterer hoher Besuch kam am 9. April ins Geschwader. General Ulrich de Maizière (Inspekteur der Bundeswehr) führte Gespräche mit Piloten und nahm als Beobachter am Nachtflugbetrieb teil.

 

Bundeskanzler Dr. Kurt Kiesinger besuchte am 5. Mai im Rahmen eines Flottenbesuches des MFG1. Er wurde durch den Kommodore, KptzS Reger begrüßt. Begleitet wurde der Kanzler von Staatssekretär Karl Carstens und zwei Admirälen.

 

Vom 22. - 24. April standen Checker des „TAC EVAL“ Teams vor der Haustür und überprüften alle Bereiche des Geschwaders. Das Personal der Wartungsstaffel wurde aufgrund der erbrachten Leistungen mit einer hohen Anerkennung gewürdigt.

 

Im Juni 1967 wurde beschlossen, die Flotte der F-104 Starfighter schnellstmöglich auf neue Schleudersitze umzurüsten. Nach einer fast zweijährigen Vorbereitungsphase für die Hersteller und die Industrie wurde mit der TA-FL F-104 (lfd.Nr. 645) vom 12.Mai 1969  die Umrüstung aller geflogenen Starfighter der deutschen Luftwaffe und Marineflieger auf den Schleudersitz Martin-Baker Mk.7, genauer gesagt auf den Typ GQ-7A angeordnet. Davon betroffen waren natürlich auch alle Maschienen aus Jagel. Der alte Lockheed C-2 Schleudersitz hatte bei vielen Unfällen zuvor gezeigt, daß er oft unzuverlässig und auch recht umständlich in der Handhabung gewesen war. Der Ablauf des Rettungsausschusses hing von der Einstellung der Schirmauslösung ab, welche vom Piloten manuell, je nach Fluggeschwindigkeit und Flughöhe, einzustellen war. Es fehlte dem C-2 Sitz ein Steuerschirm zur Stabilisierung der Flugbahn nach dessen Aktivierung und auch die Sitz-Mann-Trennung klappte nicht immer zuverlässig. Der neue GQ-7A Sitz funktionierte dagegen vollautomatisch, ohne manuelles Eingreifen durch den Piloten. Er wurde nach der Aktivierung durch einen Steuerschirm stabilisiert und war Zero-Zero tauglich. Sprich, er funtioniert im Gegensatz zum C-2 Sitz bei Null Flughöhe und Null Geschwindigkeit (aus dem Stand). Die Umrüstung der Flugzeuge erfolgte bei der Firma Messerschmitt in Manching, sowie beim Luftwaffenversorgungsbereich 1 in Erding. Als erstes umgerüstetes Flugzeug des MFG1 sollte bereits im Jahr 1970 die 27+30 den Beweis anstellen, daß das neue Rettungssystem funktioniert.

 

Vom 16. - 30. Juni nahmen zwei Mannschaften am „BULLS EYE ´69“ im dänischen Skrydstrup teil. Das Wetter spielte meistens mit und auch der Klarstand der Flugzeuge war perfekt. Das Endergebnis hinkte in diesem Jahr allerdings weit hinter den eigenen Vorstellungen hinterher und enttäuschte.

 

Sechs Buccaneer der Royal Air Force waren vom 21. - 26. Juni im Rahmen eines Staffelaustausches zu Besuch in Jagel.

 

Dass das Geschwader nicht nur die Fliegerei im Kopf hat, bewiesen der Kommodore und der Kommandeur Technische Gruppe am 7. August. Sie besuchten das Waisenhaus „Elisabetheim“ in Havetoft und überbrachten den Kindern diverse Spielgeräte, u.a. eine große Rutsche, ein Klettergerüst und eine Schaukel. Die Freude war Riesengroß.

 

Vom 16. - 22. September nahm das Geschwader am Herbstmanöver „CHINA COAT“ teil. Anders als noch beim letzten „BULLS EYE“ waren die beteiligten Mannschaften mit dem Ergebnis zufrieden.

 

Am 29. September schafften es die Techniker genügend flugklare Flugzeuge zur Verfügung zu stellen, damit KptLt Ostermann mit der 22+16 die 1.000ste. Flugstunde des Geschwaders innerhalb eines Monats absolvieren konnte.

 

Im Oktober konnte die Einweihung des neuen Hobbyzentrums durch den Kommodore, die Kommandeure und „Spieße“ vollzogen werden. Für die Soldaten standen damit 2 Holzbearbeitungsräume, 1 Metallbearbeitungsraum, 1 Fotolabor, 1 Billardraum und eine Bücherei mit über 1000 Büchern zur Verfügung.

 

Eine fliegerische Glanzleistung gelang KptLt Worms am 5. November. Obwohl ihm schon beim Start das Bugrad abknickte und wenig später der linke Hauptfahrwerksreifen platzte, entschloss er sich den Start mit Funkenschlagendem Bugfederbein durchzuführen. Das Bugrad ging derweil schon längst seine eigenen Wege. Durch einen zweiten Piloten wurde KptLt Worms über die Schäden an seiner F-104 Starfighter informiert. Er verflog überflüssigen Kraftstoff und bereitete sich auf die Notlandung vor. Die Feuerwehr nutzte die Zeit um die Landebahn einzuschäumen. Nach zwei Probeanflügen gelang ihm eine saubere Landung. Mit dem Aufsetzten auf dem letzten verbliebenen Rad, einem sanften Aufsetzen auf dem bereits recht kurz geschliffenen Bugfederbein, dem ziehen des Bremsschirms und starkem Bremsen brachte er es fertig, die Maschine auf der Landebahn zu halten und hinter dem Schaumteppich zum Stehen zu kommen. Das letzte verbleibende Rad platzt beim Aufsetzen auf die Landebahn und zeigte damit, dass ein Unglück selten allein kommt.

 

Die neue Sporthalle im Unterkunftsbereich Kropp konnte am 21. November offiziell seiner Bestimmung übergeben werden.

 

Anfang Dezember stattete der neue Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt dem Geschwader seinen Antrittsbesuch ab.

 

 

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[Quellen- und Literaturnachweis]

 

*1

Jahr 1960, Flugunfall mit Sea Hawk - Name des Piloten ist bekannt, Der Webmaster wurde von der Familie des Unfallopfers gebeten, seinen Namen aus der Chronik, der Unfallübersicht und auch aus allen, die Webseite, betreffenenden Zusammenhängen zu löschen bzw. unkenntlich zu machen.